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Seidenteppiche (679)

  • Ein junges deutsches Paar schlendert in Sandalen über die Teppichmeile des Bazars in Istanbul. Rechtzeitig hüpft ein engagierter Verkäufer auf die beiden zu und wedelt mit einem Stück Textil in der Hand. Er behauptet, es handle sich bei diesem geknüpften Unikat um den feinsten Seidenteppich der Welt.
Das überraschte Paar begutachtet das Stück interessiert und formt in Gedanken bereits Fragen: Ist es echte Seide?

So kleine Knoten kann doch nur ein Kind gemacht haben - oder?
Wurde das Stück in China minderwertig hergestellt und dabei nur einem orientalischen Original nachempfunden?
Kann man einen Seidenteppich auch verwenden?
Woher kommen Seidenteppiche und wie lange gibt es sie schon?
Wie erkennt man echte Seide - kann es nicht auch ein Nylonfaden sein?

Was ist Seide?

Seide ist vor allem eine faszinierende Faser. Die herausragendste Eigenschaft ist Ihr Glanz. Weiters ist Seide aber auch extrem reißfest; ein Seidenfaden von der Stärke eines Bruchteiles eines Zehntelmillimeters reißt durch das Eigengewicht des Fadens erst bei 50 km Länge.

Aber nicht nur die Eigenschaften und die unmittelbare Herstellung des Seiden-Endlosfadens durch die Larve des Seidenspinners ist hochinteressant, auch die Gewinnung und Verarbeitung durch den Menschen wird seit mehr als 4500 Jahren kultiviert.

Aber vorerst mal zum wichtigsten Akteur der Seidenherstellung, dem Seidenspinner:

Seidenspinner

Nach einer sechs- bis achtstündigen Paarung legt das Seidenspinner-Weibchen an die 400 Eier und stirbt anschließend. Die Eier liegen einen Winter lang und verformen sich dabei durch ihr Eigengewicht. Im Frühling schlüpfen die ersten Raupen und machen sich auf die Suche nach einer einzigen Pflanze, dem Maulbeerstrauch.

Das starke Wachstum von 1 cm auf 10 cm Länge erfordert ein viermaliges Häuten. Nach gut einem Monat ist die Larve spinnreif. Erst dann kommt die Phase, welche dieser Schmetterlingsart zu Ihrer enormen Bedeutung verholfen hat:

Um sich Ihren Kokon anzulegen, presst die Seidenspinnerraupe aus zwei Drüsen in der Nähe ihres Mauls Saftstrahlen aus, die an der Luft sofort zu feinsten Fäden erstarren. Gleichzeitig wird ein Bindeleim ausgeschieden der die beiden Fäden miteinander verschmelzen lässt.

Während der Ausscheidung bewegt die Larve Ihren Kopf beständig in Achterschleifen und dreht sich zusätzlich, um die kunstvolle Hülle in bis zu 300 000 Windungen vollends auszuformen.

10 Tage, nachdem der Kokon komplett versperrt wurde und für wohligen Schutz gesorgt hat, setzt die Züchtung dem natürlichen Verlauf der Verpuppung und dem anschließenden Schlüpfen ein grausames Ende.

Seide ist ein Endlosfaden; dies erleichtert das Abspinnen des Fadens vom Kokon ungemein. Weicht man diesen in warmem Wasser ein, findet man das Ende und kann den kompletten Faden in einem Gang ablösen.

Bei einem natürlichen Schlüpfen kann der Schmetterling die Hülle erst dann durchstoßen, wenn zuvor eine säurehaltige Flüssigkeit abgegeben wurde, die das Gespinst an der benetzten Stelle zerstört. Dies würde den Faden nicht mehr endlos machen und wertvolle Seidensubstanz zerstören.

Nur ein Teil der Kokons wird für die Weiterzucht vorher entfernt und der Form nach in länglich-eiförmig weibliche und tailliert männliche unterteilt. Alle anderen werden über 60°C heißem Dampf abgetötet.


  • Kokons

  • Ein moderner Brutkasten für Seidenspinner

Für die Weiterzucht werden alle - aufgrund der Beobachtung des Kokons - offensichtlich gesunden Tiere, weiter streng nach Geschlecht getrennt, herausgesucht. Geschlüpfte Tiere kann man nämlich kaum mehr unterscheiden.

Stellt sich mal eine Seuche heraus, muss übrigens der gesamte Holzkasten mit allen Tieren sofort vernichtet werden. Ansonsten wäre gleich die komplette Existenzgrundlage der Seidenmanufaktur gefährdet. 1873 hat eine verheerende Epidemie die gesamte Seidenproduktion Persiens für 15 Jahre zum Erliegen gebracht.

Für die Züchtung werden die geschlüpften weiblichen Tiere in einen mit engem Maschendraht verschlossenen Käfig gesetzt in dem Sie die deutlich beweglicheren männlichen Tiere erwarten, welche vom Züchter zum richtigen Zeitpunkt zugeführt werden.

Wie wird Rohseide aus Kokons gewonnen?

Die Kokons werden in einem Bottich mit 80°C heißem Wasser eingeweicht. Durch Schlagen mit einem Reisigbesen sollen die Kokons von der äußeren, wirren Faserschicht befreit werden.

Danach müssen in 60°C heißem Wasser händisch die Fädenenden von bis zu 20 Kokons gemeinsam abgehaspelt und zu einem Strang Rohseide verdrillt und geglättet werden. Die Verdrillung kann händisch oder maschinell erfolgen.

Anschließend wird durch Kochen in Seifenlauge die klebrige Hülle entfernt. Hierdurch verliert sie 25-30% ihres Gewichts und erhält Ihren Glanz, die reinweiße Farbe und einen weichen Griff.

Diese Rohseide kommt als Strang oder in Zopfform in den Handel.


Seide in den verschiedensten Farben

Wie erkennt man echte Seide?

Am einfachsten lässt sich echte Seide durch eine Brennprobe identifizieren. Dabei macht sich der beißende Geruch von Horn breit.

Eine Kunstfaser wie Nylon setzt hingegen den typischen Plastikgeruch frei.

Es kann auch echte Seide mit einer Kunstfaser vermischt sein. Hierbei setzt die verbrennende Kunstfasern den deutlich dominanteren Geruch frei.

Weiters wird sehr gerne merzerisierte Baumwolle als Seide ausgegeben. Dabei werden die Eigenschaften von Baumwolle bei Behandlung durch Natronlauge (übrigens zufällig beim Filtrieren von John Mercer im 19. Jahrhundert entdeckt - daher der Name dieses Verfahrens) weitgehend verändert: Diese bekommt einen seidenartigen Glanz, wird färbbarer und fester. Auch hier stellt man bei der Brennprobe den Unterschied fest. Baumwolle entwickelt einen intensiv-rauchigen Duft. Der gesponnene Baumwollfaden ist auch um ein Vielfaches dicker.

Baumwolle als Flormaterial eines Teppichs ist übrigens besonders unnützlich. Sie verfilzt bei Benutzung und wird rasch unansehnlich.

Wie wird die Seide beim Knüpfen eingesetzt?

Hierbei gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Ein Teppich kann komplett aus Seide bestehen. Dann sind Kette, Schuss und Flor aus dem edlen Material und es handelt sich um einen reinen Seidenteppich.

Der Teppich kann nur einen Flor aus Seide haben. Hierbei spart man sich die Seide für Kette und Schuss. Da die Fransen das verlängerte Kettmaterial darstellen, kann man an diesen sehen, ob der Teppich im Fundament aus einem anderen Material besteht.

Um diese Problematik der Erkennbarkeit zu lösen, sieht man bei kommerzialisierter Ware häufig, dass nur die Kette und der Flor aus Seide sind; der nur für das geschulte Auge erkennbare Schuss ist weiterhin aus Baumwolle.

Besonders beliebt ist das Akzentuieren von Motivrändern mit Seide. Hierbei werden bei einem gewöhnlichen Teppich bestimmte Musterbereiche aus Seide geknüpft. Der optische Effekt ist unübersehbar und mittlerweile in der Trickkiste der Knüpfdesigner fest verankert.

Welche Knüpfdichten hat ein Seidenteppich?

Der äußerst dünne Seidenfaden ermöglicht bemerkenswert hohe Knüpfdichten von maximal 25 x 25 Knoten auf einen cm; dies entspricht mehr als 6 Mio Knoten pro m2. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis der Branche, dass Dichten mit mehr als 10 x 10 Knoten pro cm (also 1 Mio Knoten pro m2) von Kinderhänden erschaffen werden.

Hohe Dichten sind allerdings nur bei Reinseidenteppichen möglich, da im Fundament eingesetzte vergleichsweise dicke Baumwolle wiederum die Anzahl der Knoten einschränkt.

Welche Teppiche werden aus Seide hergestellt?

Seide in Teppichen wurde nachweislich ab dem 15. Jahrhundert verwendet. Besonders eindrucksvoll hierbei der letzte erhaltene Seidenteppich der Mamluken, einem berühmten Söldnervolk, im Wiener Museum für angewandte Kunst.

Heute werden Seidenteppiche vorwiegend in der Türkei, im Iran, in Indien und in China hergestellt.

Die Türkei - auf dem Gebiet der Wollteppiche den Persern seit jeher unterlegen - hat sich bei Seidenteppichen als das Maß der Dinge etabliert. Vorwiegend sind es Teppiche aus Hereke und Kayseri, die diesen Ruf geschaffen haben.

Im Iran sind es insbesondere die Regionen Isfahan, Ghom und Täbriz, welche das Verknüpfen von Seide zur hohen Kunst erhoben haben.

China hatte eine große Seidenteppichtradition bis ins 19. Jahrhundert. Diese ist mittlerweile allerdings dem intensiven Nachknüpfen von Hereke und Ghom Mustern verfallen. Deutlich billiger in der Produktion und - für Puristen nur schwer zu akzeptieren - qualitativ sowohl in der Seidenqualität als auch in der Knüpfarbeit einem Gutteil persischer und iranischer Seidenteppiche überlegen. Aus diesem Grund trifft man diese auch häufig in touristischen Regionen der Türkei an, wo sie neben originalen Hereke und Kayseri mit großem Erfolg zufeil geboten werden. Erkennbar sind sie für den Fachmann durch eine etwas zu gleichmäßig perfekte Knüpfung und die leicht pastelligeren Farben.

Indien hat sich vor allem durch Teppiche aus der Region Kaschmir einen großen Marktanteil bei Seidenteppichen gesichert. Dabei stehen diese Teppiche für eine eigene Definition von Qualität. Es wird häufig auf Baumwolle geknüpft und bei gröberen Knotendichten nicht selten merzerisierte Baumwolle verwendet und als "Kaschmir-Seide" angepriesen. Allerdings ist die Regel für den Kauf einfach; je dichter der Kaschmir-Seidenteppich, desto hochwertiger die verwendeten Materialien.

Wie kann man einen Seidenteppich verwenden?

Seide ist nicht strapazierfähig. Vor allem die Tatsache, dass Seide nicht fettig ist, lässt diese bei gewöhnlichem Begehen rasch verschmutzen. Der äußerst dünne Flor hat keine Abriebreserve zu bieten und ist nach wenigen Jahren abgetreten.

Seidenteppiche kann man entweder an die Wand hängen oder in einen kaum begangenen Bereich, wie beispielsweise ein Schlafzimmer legen.

Seidenteppiche sind der Inbegriff edler Teppiche. Die ansonsten unerreichten Knotendichte und der strahlende Glanz haben den Seidenteppich zu einem Statussymbol werden lassen.

Wie in so vielen Bereichen gibt es unzählige Versuche, am Glanz der Seide teilzuhaben ohne echte Seide zu bieten. Dennoch ist es vergleichsweise einfach bei Seidenteppichen Qualitäten zu unterscheiden, da es alles in allem nur eine überschaubare Anzahl an Varianten gibt.


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